Carl Jung: Was passiert, wenn du deine dunkle Seite akzeptierst?

Carl Jung: Was passiert, wenn du deine dunkle Seite akzeptierst?

10.10.2026

Filmessay

6:27

Min.

Ein Film über die Seiten in uns, die wir lieber verdrängen – und darüber, was passiert, wenn wir ihnen begegnen.

Ein Film über die Seiten in uns, die wir lieber verdrängen – und darüber, was passiert, wenn wir ihnen begegnen.

CREDITS

Text, Konzept, Regie, Darstellung und Schnitt: Yetkin Günay Kamera & Licht: Kerem Kaplan Musik: lizenziert über Epidemic Sound

THEMEN

CARL JUNG, SCHATTEN, IDENTITÄT, SELBSTBILD, PSYCHOLOGIE, VERDRÄNGUNG

DER VERSUCH, EIN „GUTER MENSCH“ ZU SEIN

Ich lange versucht, ein guter Mensch zu sein. Nicht zu laut. Nicht zu viel. Nicht schwierig.

Ich arbeite an mir. Ich möchte ruhiger werden. Weniger egoistisch, weniger wütend, weniger empfindlich.

Aber irgendwann stellt sich eine andere Frage: Will ich diese Eigenschaften wirklich verändern – oder möchte ich nur die Teile von mir loswerden, die anderen nicht gefallen?

Ich werde wütend. Manchmal wegen Kleinigkeiten, heißt es. Aber vielleicht entsteht die Wut nicht erst in diesem Moment. Vielleicht beginnt sie viel früher: dort, wo ich sage „kein Problem“, „geht schon“, „mach dir keine Gedanken“ – obwohl längst etwas nicht stimmt.habe

Ähnlich ist es mit dem Egoismus. Ich weiß oft sehr genau, was andere brauchen. Ich merke, wenn jemand müde ist, enttäuscht ist oder Hilfe braucht.

Aber was brauche ich selbst?

Vielleicht ist das, was ich Egoismus nenne, manchmal nur die Erinnerung daran, dass auch ich existiere.

WAS IM SCHATTEN LANDET

Und dann ist da die Eitelkeit.

Ich mag schöne Kleidung. Ich mag mein Gesicht. Manchmal mag ich Aufmerksamkeit.

Das klingt vielleicht nicht besonders tiefgründig. Aber muss alles an mir tiefgründig sein? Darf ich mich nicht einfach schön finden?

Wann habe ich eigentlich gelernt, dass Selbstliebe nur akzeptabel ist, wenn man sie möglichst bescheiden formuliert?

„Ich bin ganz okay.“

Wie großzügig.

Es gibt einen Ort, an dem alles landet, was nicht zu meiner Vorstellung von mir selbst passt:

Wut. Eitelkeit. Egoismus. Neid. Lust. Frechheit.

Nicht gerade die Eigenschaften, mit denen man sich gerne vorstellt.

Aber dort landet nicht nur das, wofür wir uns schämen.

WAS WIR GLEICH MIT VERSTECKEN

Dort können auch andere Dinge verschwinden:

der eigene Name, die eigene Stimme, Neugier, Albernheit, Hunger, die Lust, gesehen zu werden – sogar die eigene Kunst.

Vielleicht sperren wir bestimmte Teile von uns nicht weg, weil sie gefährlich sind.

Vielleicht sperren wir sie weg, weil sie unbequem sind.

Und manchmal ist genau das, was unbequem ist, auch das Lebendigste an uns.

Was macht man also mit diesem Teil?

Vielleicht zunächst gar nichts.

Er muss nicht sofort repariert werden.

Denn dieselbe Eigenschaft kann unterschiedliche Seiten haben: Wut kann schützen – und verletzen. Egoismus kann eine Grenze setzen – und Menschen ausschließen. Mut kann uns irgendwohin bringen, während Leichtsinn uns genau dort wieder herunterwerfen kann.

Der Schatten ist nicht die ganze Wahrheit über uns.

Er ist ein Teil davon.

NICHT REPARIEREN, SONDERN KENNENLERNEN

Muss ich meinen Schatten also akzeptieren?

Schon diese Frage klingt wieder nach einer Aufgabe.

Vielleicht reicht es zunächst, ihn kennenzulernen.

Vielleicht habe ich meinen Schatten lange für das gehalten, was an mir falsch ist. Für alles, was ich kontrollieren, verstecken oder verbessern müsste.

Aber vielleicht liegt im Schatten nicht nur das, wofür wir uns schämen.

Vielleicht liegt dort auch etwas, das wir unterwegs zurückgelassen haben.

„Kommst du?“

„Wohin?“

„Keine Ahnung.“

Vielleicht ist genau das der Punkt.

RECHERCHE

Carl Gustav Jung bezeichnete als „Schatten“ jene Seiten der Persönlichkeit, die dem bewussten Selbstbild nicht entsprechen und deshalb häufig verdrängt, abgelehnt oder nicht wahrgenommen werden.

Dabei besteht der Schatten nicht ausschließlich aus Eigenschaften, die wir als negativ empfinden. Auch Fähigkeiten, Bedürfnisse, kreative Impulse oder angemessene Reaktionen können in den Hintergrund geraten, wenn sie nicht zu dem Bild passen, das wir von uns selbst entwickelt haben. Die Auseinandersetzung mit diesen verdrängten Anteilen ist in Jungs analytischer Psychologie Teil des Individuationsprozesses – der Entwicklung hin zu einer umfassenderen Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Projektion: Eigenschaften oder Gefühle, die wir bei uns selbst schwer erkennen können, können besonders stark an anderen Menschen wahrgenommen werden. Die Beschäftigung mit dem Schatten bedeutet deshalb nicht, jede Eigenschaft gutzuheißen oder ungefiltert auszuleben, sondern sie zunächst als eigenen möglichen Anteil wahrzunehmen.

Der Film greift vor allem diesen Gedanken auf: Vielleicht liegt im Schatten nicht nur das, was wir an uns verändern möchten, sondern auch etwas, das wir gelernt haben zu verstecken.

QUELLEN & WEITERFÜHRENDES

C. G. Jung – Aion: Beiträge zur Symbolik des Selbst
IAAP – Aion, Collected Works 9/II

C. G. Jung – Die Archetypen und das kollektive Unbewusste
IAAP – The Archetypes and the Collective Unconscious, Collected Works 9/I

International Association for Analytical Psychology (IAAP)
The Shadow

Society of Analytical Psychology
The Jungian Shadow