
Mockumentary über Lifestyle Inflation, steigende Ausgaben, Besitz und die erstaunliche Fähigkeit, Armut trotz höherem Einkommen zu professionalisieren.
Mockumentary
4:50 Min.
Min.
CREDITS
Text, Konzept, Regie, Darstellung und Schnitt: Yetkin Günay Musik: lizenziert über Epidemic Sound
THEMEN
FINANZEN, GELD, LIFESTYLE INFLATION, KONSUM, EINKOMMEN, BESITZ, VERSICHERUNGEN, LEBENSHALTUNGSKOSTEN, FINANZIELLE UNABHÄNGIGKEIT, ARMUT, MOCKUMENTARY
DIE EINFACHE THEORIE ÜBER GELD
Früher hatte ich wenig Geld.
Ich konnte mir viele Dinge nicht leisten.
Also hatte ich eine sehr einfache Theorie:
Wenn man wenig Geld hat, hat man Probleme.
Die Lösung ist offensichtlich:
Man braucht mehr Geld.
Eigentlich logisch.
Also habe ich gearbeitet.
Ich habe Podcasts gehört.
Ich habe Bücher gelesen.
Ich habe mein Mindset verändert.
Ich habe gelernt, dass Geld nicht böse ist, dass man den Kapitalismus nicht grundsätzlich verteufeln soll und dass erfolgreiche Menschen offenbar anders denken.
Irgendwann dachte ich wahrscheinlich ebenfalls anders.
Denn mein Gehalt stieg tatsächlich.
Und tatsächlich konnte bei der Probandin über mehrere Jahre ein deutlicher beruflicher Aufstieg beobachtet werden.
Leider stiegen gleichzeitig nahezu alle anderen Linien.
Haus.
Auto.
Versicherungen.
Benzin.
Lebenshaltung.
Irgendwas ist immer.
Zunächst gingen wir von einem normalen wirtschaftlichen Zusammenhang aus.
Nach weiterer Analyse wurde die Datenlage allerdings komplizierter.
Zu diesem Zeitpunkt verlor die Forscherin geringfügig die wissenschaftliche Distanz.
Ich finde, die Grafik ist ziemlich eindeutig.

BESITZ KOSTET, AUCH WENN ER NUR HERUMLIEGT
Das Forschungsteam begann daraufhin mit einer detaillierten Untersuchung des Geldflusses.
Das Haus brauchte ein Dach.
Ein Dach ist erstaunlich teuer für etwas, das eigentlich nur oben liegt.
Es liegt einfach nur dort.
Es bewegt sich nicht einmal.
Dann hatte das Auto einen Unfall.
Ich dachte früher immer, ein Auto schenkt einem Freiheit.
Das stimmt auch.
Man ist zum Beispiel vollkommen frei darin, welcher Werkstatt man sein Geld gibt.
Jetzt könnte man natürlich sagen:
Dafür hat man doch eine Versicherung.
Natürlich.
Man hat eine Versicherung.
Und eine Selbstbeteiligung.
Und danach steigt komischerweise häufig auch noch der monatliche Beitrag.
Je mehr Dinge man besitzt, desto mehr Dinge wollen außerdem geschützt, repariert, gewartet oder ersetzt werden.
Haus.
Auto.
Technik.
Möbel.
Das interessante Ergebnis unserer Untersuchung:
Besitz verhält sich finanziell erstaunlich ähnlich wie ein Haustier.
Man kauft ihn einmal.
Danach möchte er regelmäßig Geld.

VERSICHERT – NUR LEIDER NICHT DAGEGEN
Je mehr Sachen man besitzt, desto mehr Versicherungen braucht man.
Haus.
Auto.
Haftpflicht.
Hausrat.
Rechtsschutz.
Und wahrscheinlich noch irgendetwas, von dem man bis gestern nicht wusste, dass es überhaupt versicherbar ist.
Dann passiert tatsächlich etwas.
Und man denkt:
Sehr gut. Dafür bin ich versichert.
Man ruft dort an.
Und erfährt:
Grundsätzlich sind Sie versichert.
Leider genau dagegen nicht.
Natürlich nicht.
Je mehr Versicherungen man hat, desto mehr Beiträge zahlt man.
Und wenn tatsächlich etwas passiert, entdeckt man manchmal sehr interessante Details über Vertragsbedingungen.
Warum habe ich das denn?
Die Forscherin zeigte erneut leichte Anzeichen wissenschaftlicher Befangenheit.
Leichte.
Parallel entstanden weitere Kosten:
Streaming.
Telefon.
Internet.
Reisen.
Restaurants.
Kleidung.
Freizeit.
Reparaturen.
Gebühren.
Und schließlich die bislang wissenschaftlich nicht vollständig erklärte Kategorie:
„Ach komm. Die 30 Euro machen jetzt auch nichts mehr.“
Sie machen etwas.

ARMUT AUF HÖHEREM NIVEAU
Für einen Teil dieses Phänomens gibt es tatsächlich einen Begriff:
Lifestyle Inflation.
Oder Lifestyle Creep.
Wenn das Einkommen steigt, steigen häufig auch die Ausgaben.
Menschen passen ihren Lebensstandard an ihre neuen finanziellen Möglichkeiten an.
Und manchmal passen sich die Ausgaben erstaunlich schnell an.
Ich nenne das Verrat.
Das ist kein wissenschaftlicher Begriff.
Sollte es aber sein.
Inzwischen verstehe ich sogar besser, wie Menschen mit sehr hohem Einkommen finanziell überfordert sein können.
Was mich ehrlich gesagt beruhigt.
Offenbar ist finanzielle Überforderung sozial sehr durchlässig.
Ich wollte finanziell unabhängig sein.
Stattdessen bin ich jetzt finanziell abhängig –
auf einem höheren Niveau.
Das Forschungsprojekt kann damit als erfolgreich abgeschlossen betrachtet werden.
Ich habe meine Armut professionalisiert.

RECHERCHE
Lifestyle Inflation – auch Lifestyle Creep genannt – ist ein Begriff aus der persönlichen Finanzplanung für einen schleichenden Anstieg der Ausgaben, wenn das verfügbare Einkommen wächst. Dinge, die früher als Luxus oder zusätzliche Ausgabe galten, können mit der Zeit zum normalen Lebensstandard werden. Wenn die Sparquote dabei nicht entsprechend mitwächst, kann sich trotz eines höheren Einkommens das Gefühl finanzieller Knappheit kaum verändern.
Der Film überzeichnet dieses Prinzip bewusst. Nicht jede steigende Ausgabe ist Lifestyle Inflation. Kosten für Reparaturen, Wohneigentum, Versicherungen, Energie oder andere notwendige Ausgaben können unabhängig davon entstehen, ob jemand seinen Lebensstil freiwillig erhöht.
Auch die wirtschaftswissenschaftliche Beziehung zwischen Einkommen und Konsum ist komplexer als die einfache Aussage „mehr Einkommen = mehr Ausgaben“. Forschung zu Konsumreaktionen auf Einkommensveränderungen zeigt, dass Haushalte unterschiedlich auf dauerhafte und vorübergehende Einkommensänderungen reagieren und einen Teil zusätzlicher Mittel sparen oder zum Vermögensaufbau verwenden können.
Psychologische Forschung zur hedonischen Anpassung ergänzt diese Perspektive: Verbesserungen der eigenen Lebensumstände können mit der Zeit als neuer Normalzustand wahrgenommen werden. Ein höherer Lebensstandard fühlt sich dann möglicherweise weniger außergewöhnlich an als zu Beginn.
Die Mockumentary verbindet diese realen Mechanismen mit bewusst absurden Kostenkategorien – vom Dach, das „eigentlich nur oben liegt“, bis zur Versicherung, die ausgerechnet den eingetretenen Fall nicht abdeckt.
QUELLEN & WEITERFÜHRENDES
Fidelity – 5 ways to outsmart lifestyle creep Einführung in Lifestyle Creep/Lifestyle Inflation und die Frage, warum steigendes Einkommen nicht automatisch zu einer steigenden Sparquote führt.
Consorsbank – Lifestyle-Inflation: Die unsichtbare Falle für Ihr Vermögen Deutschsprachige Erklärung dazu, wie steigende Einkommen mit schleichend steigenden Ausgaben einhergehen können.
Federal Reserve – Income Shocks and Their Transmission into Consumption Wirtschaftswissenschaftlicher Überblick darüber, wie Haushaltskonsum auf unterschiedliche Einkommensveränderungen reagieren kann.
PubMed – People adapt more slowly to social income changes than to temporal income changes Psychologische Forschung zur hedonischen Anpassung an Veränderungen des Einkommens.